Giorgo Piola: Ich bin eher ein Künstler, nicht ein Konstrukteur

Text: Roman Klemm / Bilder: Roman Klemm (1) und Manfred Noger (4)
19. September 2026

Die Arbeit des 78-jährigen Italieners Giorgio Piola kennt jeder Formel-1-Fan. Seit Ende der 60er Jahre erklären seine Skizzen und Zeichnungen der einflussreichsten Fachzeitschriften den Lesern die technischen Tricks und Einfälle der Ingenieure. Ein eigenes Fahrzeug hat er allerdings nie gezeichnet. Im Rahmen der Minardi Days in Imola besuchte ich seinen Vortrag über die technische Entwicklung der F1 und stellte ihm anschließend einige eigene Fragen.

Imola 2026: Giorgio Piola erzählt, Gabriele Tredozi und Gabriele Tarquini hören zu © Roman Klemm

RK: Sie sind natürlich ein bekannter Name in der F1-Welt, und Ihre Zeichnungen kenne ich schon seit meiner Kindheit. Wie lange sind Sie schon „Mitglied des F1-Zirkus“?
GP: Ich habe schon mein ganzes Leben gezeichnet. Die ersten Zeitschriften begannen Ende der 60er Jahre, meine Arbeiten zu veröffentlichen. Ab 1970 erhielt ich dann Aufträge von den einflussreichsten Blättern in Italien, kurz darauf auch von bekannten Zeitschriften in England, Frankreich und Deutschland (Autosport, Sport.Auto…). Danach folgte der „Rest der Welt“.

RK: Mit Ihren Werken haben Sie aber nur die Arbeit anderer „kommentiert“. Hatten Sie nie Lust, sich an eigenen Konstruktionen zu versuchen?
GP: Eigentlich nicht. Ich habe dafür keine Ausbildung. Ich denke, ich bin eher ein Künstler als ein Konstrukteur – auch wenn ich natürlich alle Zusammenhänge dessen kennen muss, was ich darstellen möchte.

RK: Also haben Sie nie etwas „eigenes“ entworfen?
GP: Es gab eine einzige Ausnahme. Mitte der 70er Jahre führte Ford seine neue Formel F2000 für Autos mit Slicks und Flügeln ein. Ein italienisches Team bat mich, das Karosseriedesign ihrer Monoposti zu entwerfen. Ich habe zugesagt, weil sie mir als Honorar das Cockpit ihres zweiten Autos angeboten haben! Sie hatten ein Tecno-F3-Chassis von Jean-Pierre Jaussaud, und ich habe ihm eine Front gegeben, die etwas an Chevron erinnerte, mit Seitenflächen und Flügeln. Der Spitzenfahrer meines Teams gewann damals die Meisterschaft, besiegte sogar Teo Fabi, und allein deshalb war ich auf meine Arbeit stolz.

RK: Erinnern Sie sich an Gelegenheiten, bei denen Sie über das, was andere „gemalt“ hatten, den Kopf schütteln mussten?
GP: Mehr als einmal! Spontan fällt mir der McLaren M28 ein, entworfen von Gordon Coppuck. Damals war es noch so, dass die Teams uns Journalisten einluden, um ihre Autos vorzustellen. Und dies relativ ausführlich und bis ins Detail. Es war am Ende der Saison 1978. Damals dominierte der F1 Lotus Mk79 – der „Wingcar“, den alle zu kopieren versuchten. Es war bekannt, dass der Mk79 kein besonders stabiles Chassis hatte. Trotzdem gewann er. Chapmans Prinzip des Wingcars war ein solcher Vorteil, dass seine Fahrer nicht einmal volle 100 Prozent geben mussten und trotzdem siegten. Coppuck, der sich zuvor mit seinem genialen McLaren M23 einen Namen gemacht hatte, entwarf also einen sehr robusten, kantigen Wingcar M28. Als sie uns jedoch die Seitenteile zeigten, dachte ich, ich sehe nicht richtig – sie waren viel zu schmal! Dabei waren es doch gerade diese Elemente und der Unterboden mit Flügelprofil, die den Saugeffekt der Wingcars erzeugten. Coppuck hatte das Prinzip einfach nicht verstanden.

RK: Haben Sie das damals veröffentlicht?
GP: Ich glaube, ich habe es nicht öffentlich bewertet. John Watson, damals McLaren-Pilot, war aber ein guter Freund von mir, und ich habe ihm an dem Tag gesagt, dass Coppuck ein Idiot ist.

RK: Und wie ist es ausgegangen?
GP: Wir erinnern uns alle, wie sich Watson und Tambay 1979 mit dem M28 ergebnislos abgerackert haben. Während des 12. Großen Preises in Zandvoort kam John zu mir und sagte: „Du hattest Recht – er ist ein Idiot. Dieses Auto ist hoffnungslos…“

Giorgio Piola ©Manfred Noger