Jürgen Rädlein: Über das Vermächtnis seines Vaters, den einzigartigen Melkus-Wartburg Typ 59

Text und Bilder: Roman Klemm
17. Oktober 2025

Klar, jedes kleine Zahnrad im Paddock eines Historischen Events hat seine interessante Geschichte – das riesigen Angebot erschlägt einen oft… Den Melkus-Wartburg Typ 59 habe ich erstmals beim Solitude Revival 2024 gesehen, wo mich dieses Auto gleich beeindruckte. Sein Besitzer und Fahrer Jürgen Rädlein aus Dresden versprach mir, dass wir uns in Brünn wiedersehen würden, um ausführlich über die Geschichte des Wagens (die zu einem großen Teil auch die Motorsportgeschichte der DDR ist) zu sprechen. Und wir haben uns auch auf dem Rossfeld und dem Salzburgring getroffen. Also dann…

Jürgen Rädlein und sein Melkus-Wartburg 2024 auf der Solutide. ©Roman Klemm

RK: Du kommst aus einer bekannten ostdeutschen Motorsportfamilie…
JR: Ich fange mit der Geschichte meines Vaters Frieder an, der zu den bekanntesten Technikern und Rennfahrern des Landes gehörte. Er stammte aus der sächsischen Stadt Weixdorf, aus der auch der Motorradstar der Zwischenkriegszeit Ewald Kluge (Sieger der Tourist Trophy 1938) kam. Alle Jungs wollten dort auch Rennfahrer werden. Mein Vater probierte Motorräder aus, bis er Mitte der 50er Jahre auf einen gewissen Heinz Melkus traf. Er kam in dessen Team unter und durfte für ihn im Stanguelini-Formel-3 in der nationalen Meisterschaft einspringen. In Halle wurde er Dritter. Dann tauchte die Formel Junior auf…

RK: Und hier beginnt die Geschichte Deines Autos?
JR: Ja. Aus Frieder und Heinz wurde ein eingespieltes Duo – Heinz war Konstrukteur und Theoretiker, und mein Vater konnte seine Ideen in Form von geschweißten Rohren und Blechen umsetzen. Sie beschlossen, für die F-Junior ein eigenes Modell zu bauen. Zur Verfügung hatten sie einen 900ccm-Wartburg 311 Motor, eigentlich war das sowieso der einzige in Frage kommende Motor. In der Serienversion brachte er 37 PS, mein Vater und Melkus holten 65 PS daraus. Die Firma Melkus war damals immer noch vor allem eine Fahrschule, aber im Winter von 1958 auf 1959 verbrachten sie Tage und Nächte mit dem Bau dieses Monopostos. 1959 startete Heinz Melkus damit unter anderem auch in Böhmen. Deshalb bin ich eigentlich hier. Mein Ziel ist es, das Auto auf allen Strecken zu fahren, auf denen auch mein Vater unterwegs war. In Solitude veranstalteten sie damals ein riesiges F-Junior-Rennen. Und Melkus erreichte bei seinem Debüt zwischen 30 Gegnern einen hervorragenden 7. Platz. Mein Vater bekam dafür die Chance zu Hause in der DDR auf dem älteren Stanguelini F3 zu fahren.

Die 900ccm-Maschine im Heck des F-Junior: Man hatte keine Alternativen. ©Roman Klemm

RK: Aber es blieb nicht nur bei diesem einen Rennwagen…
JR: Ja, aus den Erfahrungen mit dem Bau dieses allerersten Melkus gelernt, machten sich Heinz und Frieder daran, eine Kleinserie von 4 Autos zu bauen, in die sie die Ideen und Erfahrungen einbauten, die sie mit dem Prototyp gesammelt hatten. Den Prototyp von 1960 kaufte ein gewisser Bodo Rast und fuhr anderthalb Jahre damit Rennen, bevor in Berlin die Mauer gebaut wurde. Bodo entschied sich zur Flucht in die Bundesrepublik, und die Spur des Autos verschwand für ein halbes Jahrhundert!

RK: Wie ist es also möglich, dass du im Jahr 2024 gerade mit diesem Wagen fährst?
JR: Ein Freund hat mich vor etwa 8 Jahren angerufen und gesagt, dass in einer Scheune in ihrem Dorf ein seltsamer Rahmen – wohl von einem Rennwagen – steht. Ich war schon lange Mitglied der Rennsportgemeinschaft Dresden, wo wir uns um die Restaurierung und Wartung interessanter Autos kümmern. Also sind wir in diese Scheune gefahren. Wir haben dort einen schmutzigen und verstaubten Rahmen mit Wartburg-Motor gefunden (die Kinder haben anscheinend oft darin gespielt), insgesamt war unser Fund aber in Ordnung. Ich begann etwas zu ahnen… Ich stellte ihn zu Hause in den Hof, davor einen Stuhl auf den ich meinen Vater setzte. Kurz hat er das Torso betrachtet, bis er sagte: „Das ist doch die ‚Plättglocke‘, der erste Monoposto von Melkus, den ich mit meinen eigenen Händen gebaut habe. Ich kenne jede Schweißnaht! Aber wo ist seine Aluminiumkarosserie geblieben?“

RK: Das war also wirklich ein unglaublicher Volltreffer. Und bezüglich der Karosserie hast für mich noch ein weiteres „Bonbon“, richtig?

JR: Wir haben den Besitzer der Scheune erneut kontaktiert. Er sagte, dass dort wirklich noch etwas sei, es hängt aber in vier Metern Höhe, und dass wir Sägen mitbringen sollten. Wir waren ein bisschen überrascht, sind aber entsprechend ausgerüstet hingefahren. Diesmal führte er uns hinter die Scheune, wo ein Baum wuchs, und in seiner Krone, etwa vier Meter hoch, konnte man erkennen, wonach wir suchten! Die Karosserie hatten sie vor 50 Jahren hinter der Scheune abgelegt, wo ein Baum zu wachsen begonnen hatte. Und er wuchs einfach mit ihr! Wir haben sie herausgesägt und nach Hause gebracht. Nun hatten wir einen Haufen Teile und überlegten, was wir damit machen sollten. Wir entschieden, dass wir das Auto nicht restaurieren, sondern seinen Zustand von 1961 erhalten. Wir haben alles zerlegt, vor allem gereinigt und die meisten Teile im Originalzustand belassen! Was die Karosserie betrifft, haben wir in Dresden noch den Handwerksmeister gefunden, der sie seinerzeit hergestellt hat! Vorsichtig hat er sie wiederhergestellt – so, wie du sie hier siehst, sah sie damals wirklich aus. Der Herr ist leider gestorben, noch bevor wir das Auto wieder zusammengesetzt hatten. Die Restaurierung dauerte 5 Jahre. Zum ersten Mal haben wir das Fahrzeug im Jahr 2021 beim Sachsenring Classic eingesetzt. Seitdem hat es etwa 40 Teilnahmen an ähnlichen Veranstaltungen auf dem Buckel.

Rädlein und sein Melkus-F-Junior „auf Europatournee“: Beim Bergrennen Rossfeld bei Berchtesgaden. ©Roman Klemm

RK: Was hast du darüber erfahren, wie das Auto dorthin gelangt ist, wo sein Wrack gefunden wurde?
JR: Rust hat es dort vor der Flucht in den Westen versteckt. Er ist nie dafür zurückgekehrt, also blieb es dort. Vor einigen Jahren habe ich Kontakt zu seiner Familie aufgenommen. Sie bestehen nicht auf der Rückgabe, also gehört das Auto unserem Club.

RK: Und nun zu dir. Bist du in die Rennfahrer-Fußstapfen deines Vaters getreten?
JR: Klar, auch wenn er selbst lange alles getan hat, damit das nicht passiert. Denn er hatte damals meiner Mutter versprochen, nach seinem ersten Meistertitel mit Motorsport Schluss zu machen – und daran hielt er sich. Nach 1961 wollte er damit nichts mehr zu tun haben. Wir sind weit weg von der Melkus-Werkstatt gezogen und er hat mir ein Pferd gekauft! Aber das hat nichts geholfen. 1982 habe ich den älteren Rennwagen meines Bruders übernommen und heimlich angefangen. Als mein Vater davon erfuhr, fing er an, mich in allem zu unterstützen. 1986 haben wir den neuen Melkus F-Easter gebaut, aber eine Woche vor dem Training in Schleiz hat mich der Blinddarm im Stich gelassen. Also sprang mein Vater für mich die Hälfte der Saison ein und gehörte wieder zur Spitze! 1989 hatte ich mir bei einem schweren Unfall die Wirbelsäule gebrochen – gerade als ich ins Kokpit zurückkehren wollte, kam es zur politischen Wende, und wir hatten plötzlich andere Sorgen. Ich habe eine Autowerkstatt gegründet, die ich vor 10 Jahren verkauft habe, und kann mich nun den alten Autos widmen.

RK: Und wie bewertest du deine Teilnahme an den verschiedenen mitteleuropäischen Revivals?
JR: Ich bin froh, dass ich in Papas Tradition weitermachen kann, auch wenn es manchmal nicht mehr exakt die selben Kurse sind. Solitude, Brünn, Rossfeld, Sachsenring… Ich fahre mit einem Helm, der seinem nachempfunden ist…

„Dieser Kurs ist für das Auto etwas zu schnell.“ Rädlein 2025 auf dem Salzburgring. ©Roman Klemm