Text und Bilder: Roman Klemm
1. Mai 2026
Ich bin Jacques Laffite zum ersten Mal Anfang 1976 begegnet, als Bilder eines seltsam geformten Ligier JS5 erschienen. Das neue Auto mit Matra V12-Motor fiel durch seinen überdimensionierten Ansaugvorrichtung über dem Motor auf, die von der tanzenden Zigeunerin des Sponsors Gitanes geschmückt war. Der Fahrer war eben „Jacquot“. Und Ligier mit Laffite hatten Erfolg. Bereits beim vierten Grand Prix holten sie Punkte und beim fünften standen sie auf dem Siegerpodest.
Mitte Juni 1977 gewann Laffite mit dem Typ JS7-Matra in Anderstorp sein erstes Grand-Prix-Rennen, und Anfang der Saison 1979 war der ehemalige F2-Meister endgültig ein F1-Superstar: Jacques dominierte den Saisonanfang mit dem JS11-Ford so klar, dass ihn viele schon als den Weltmeister feierten. Im Team aus Vichy war er so lange, dass er schon zum Inventar gehörte, als ein Unfall im Juli 1986 in Brands Hatch seine F1-Karriere beendete. Jacques Laffite ist einfach einer meiner Cockpit-Helden – er war einfach in (meiner Meinung nach) den ‚besten F1-Zeiten‘ dabei…
Noch vor einem Jahrzehnt habe ich ihn regelmäßig gesehen – er arbeitete als Formel-1-Kommentator beim französischen Fernsehen. Dann verschwand er aus der Öffentlichkeit und man ihm hörte von ihm nur noch im Zusammenhang mit der Parkinson-Krankheit. Dass ich den Helden meiner Kindheit noch einmal sehen würde, damit hatte ich mich bereits abgefunden – geschweige denn, dass ich ihn in einem blauen Gitanes-Ligier fahren sehen würde…

Deshalb habe ich folgende Neuigkeit, die mir letztes Jahr in Monza Laffites Sohn Pierre erzählt hat, sehr begrüßt: „Beim Monaco Historique 2026 werde ich mit einem Token-F1 antreten, und mein Vater wird sicher dabei sein!“ Doch in Monaco Ende April dieses Jahres war weder der grüne Token-Ford noch einer der Laffites zu sehen. Angesichts des Gesundheitszustands des 82-jährigen sechsmaligen Grand-Prix-Siegers hat es mich nicht überrascht.
Trotzdem habe ich, 50 Jahre nachdem ich mit seinem Namen in Berührung kam, Laffite wieder gesehen – und sogar in Aktion. Im Rahmen des Grand Prix de France Historique feierte die Marke Ligier ihr F1-Jubiläum und ihr treuester Fahrer durfte da nicht fehlen! Für mich (und tausende französische Fans) war das ein einzigartiger Maitag – allerdings in widersprüchlichem Sinn. Auf der positiven Seite war das egoistische Vergnügen, sich noch einmal mit ihm fotografieren zu lassen und ihm die Hand zu schütteln. Mein Idol in einer so schlechter Verfassung zu sehen, war mir aber eher nicht angenehm. Laffite versuchte zwar – so wie früher – Scherze und lustige Grimassen zu schneiden, offensichtlich war er aber nicht mehr Herr seiner Bewegungen. Sein leerer Blick warf die Frage auf, ob er überhaupt weiß, was um ihn herum geschieht. Der Tagesplan war unerbittlich: Jacques sollte im Ligier JS11/15 fahren, mit dem er 1980 in Hockenheim gewonnen hatte. Ins Cockpit steigen konnte er ohne fremde Hilfe nicht – und wieder heraus schon gar nicht.

Am Vormittag brauchte er mehrere Anläufe, um loszufahren, bevor er nach 200 Metern hinter der Boxenausfahrt stehenblieb. „Gut, du hast ihn nun ein Stück fahren sehen, danke dafür und genug. Das wars wohl,“ dachte ich mir. Am Nachmittag war ich an einem abgelegenen Teil der Strecke, als er doch wieder langsam an mir vorbeifuhr. Sie hatten ihn also wieder ins Auto gesteckt… Nach 3 Minuten rollte sein Wagen dann nur noch mit abgestelltem Motor entlang der Leitplanke und blieb direkt bei mir stehen. Ich starrte auf meinen Helden. Er zitterte, die Augen weit aufgerissen – hilflos wie ein Kind. Nach einer Weile kamen die Marshals. Ich erklärte ihnen, dass er das Auto allein nicht verlassen könne. Man hat ihn also in die Boxen geschleppt. Dort konnte ich ihn nochmal fotografieren, wie er seinem Rennwagen nachschaut, den ein Mechaniker ohne Probleme gestartet und ins Fahrerlager gefahren hat. Was ging dabei durch seinen Kopf?
Und ich frage mich, ob ich das wirklich sehen wollte..?






